Türchen 9

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Ein herzliches Grüß Gott im Advent.

Ich freue mich, dass Sie mit mir zusammen die Adventszeit verbringen wollen und mache heute das nächste Türchen des Adventskalenders auf, die Nummer neun von 24. Und was ist drin? Ein Wollknäuel mit Stricknadeln. Ja, die Macher der Adventskalender wussten schon was in der Zeit wichtig war. Die vielen Helferlein des Christkindes, die sich vor Weihnachten ordentlich ins Zeug legten, damit am Weihnachtsabend die Gaben fertig unter dem Baum lagen. So gut wie niemand in der unteren und mittleren Bevölkerungsschicht war in der Lage, Geschenke zu kaufen und große Wünsche zu erfüllen. So machte man aus der Not eine Tugend. Die Frauen entwickelten sich zu Strickkünstlerinnen und die Männer entdeckten ihr Talent zum Schreinern. So entstanden Pullover und Jacken, Socken, Schals und Mützen. Puppen wurden neu eingekleidet. Aus Alt mach Neu war angesagt. Heute heißt die neue Welle Recyceln. Damals war es aus Not geboren. Altes wurde aufgetrennt und zu Neuem verarbeitet.

Bei uns im Haus gab es eine alte Dame, deren Mann und Sohn beide im Krieg geblieben sind. Sie brauchte eine Aufgabe und wurde zur Handarbeitskoryphäe. Die Frauen trafen sich bei ihr, brachten Kaffee und Kuchen mit und kamen mit Tipps und Tricks wieder zurück. Sie lernten viel und brachten Lebendigkeit in das Leben der alten Dame. Meine Mama war, so wurde sie genannt, die beste im geradeausstricken.

Schnell, ohne Probleme und dazu noch perfekt, kam sie beim Stricken vorwärts. Nur, sobald es um die Form ging, war sie hilflos. Das war in der Strickgruppe kein Problem, man half sich gegenseitig. Mama strickte auch für andere große Teile und bekam im Gegenzug Hilfe, wenns um die Kurven ging. Ich hatte einen Glockenrock. Gestrickt aus dunkelblauer Wolle mit Gummibund. Jedes Jahr wurde oben ein Stück abgetrennt damit er weiter wurde und unten mit ein paar Runden verlängert, mit Wolle, die grade zur Verfügung war und so wurde er mit den Jahren unten immer bunter. Wie bei einem Baum konnte man buchstäblich die Jahresringe ablesen.

Während man bei Kindern eher verlängern musste, waren bei Männern Ausbesserungsarbeiten nötig. Auf die Ellenbogen der Strickjacken wurden Flicken aufgenäht, Hemdkrägen wurden gewendet und Socken – ja Socken wurden gestopft, gestopft und wieder gestopft bis schlussendlich nichts mehr zu retten war. Da war aber wieder die alte Dame die Retterin. Das ganze Jahr über strickte sie mit Begeisterung Socken. Egal für Frauen, Kinder und Männer. In allen Größen und Farben. Die Wolle musste man bringen und für die Arbeit wurde sie mit Haushaltshilfen bezahlt. Mein Papa holte ihr Holz und Kohle aus dem Keller und fuhr sie, wenn sie mal einen wichtigen Termin hatte, auf dem Gepäckträger seines Fahrrades dort hin. Mama half bei der großen Wäsche und brachte ihr ab und zu was besonders Gutes vom Mittagstisch. Und jedes Jahr lagen für uns alle zwei Paar wunderschöne neue Socken unterm Christbaum – bezahlt mit den besten Plätzchen aus Mamas Weihnachtsbäckerei.

Ja, liebe Leserinnen, lieber Leser, denken Sie auch an Weihnachtsgeschenke aus der Handarbeitstube in der Vorweihnachtszeit, wenn Sie morgens in ihre Socken schlüpfen. Heute sicher aus dem Kaufhaus und nicht mehr selbst gestrickt. Das gehört zu den schönen Erinnerungen in die Vergangenheit. Ich wünsche Ihnen ganz viele davon.

Dann bis Morgen. Ich freue mich, was das nächste Türchen für uns bereit hält.
Ihre Charlotte, ein Schreiberling aus München

Text & Audio von Charlotte